Nachbericht: „A guate Stund ab Viertel und…“
Nach 10 Jahren lädt das "Guate Stund-Team" des Theater6934Sulzberg wieder ein, „A guate Stund“ Kleinkunst zu erleben. So öffneten sich am 15. Juli die Türen zum Dachgeschoss des „Alten Pfarrhofs“ in Sulzberg.
Die erste Veranstaltung der 3er-Serie des Sommers 2026 mit dem Titel „leasa, losa, läfara“ brachte in Zusammenarbeit mit der Bücherei Sulzberg Literatur in den Alten Pfarrhof.
Die Besucher durften den Worten und dem Vorlesen aus der Lieblingslektüre von drei Sulzberger:innen, dia ma kennt, lauschen.
Um die besondere Stimmung des Abends nachvollziehen zu können, veröffentlichen wir hier eine Nachricht eines Besuchers der Veranstaltung:
Als Panama unter dem Dach eines alten Pfarrhauses lag
Eine besondere Sommernacht in Sulzberg
Es gibt Veranstaltungen, die besucht man. Und es gibt Abende, die einen noch lange begleiten.
Was sich am 15. Juli im Alten Pfarrhof in Sulzberg unter dem schlichten Titel „leasa, losa, läfara“ ereignete, gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie. Nur vierzig Plätze gab es unter dem Dach des alten Hauses. Kein großes Podium, keine aufwendige Inszenierung, kein prominentes Kulturfestival. Nur Bücher. Menschen. Zuhören.
Und vielleicht gerade deshalb entstand etwas, das größer war als jede perfekt geplante Veranstaltung.
Die Idee war ebenso einfach wie genial: Drei Sulzbergerinnen und Sulzberger wurden eingeladen, „ihr Buch“ vorzustellen. Welches Buch sie auswählen würden, wusste der Veranstalter nicht. Gerade darin lag das Wagnis – und im Nachhinein die eigentliche Magie des Abends.
Denn was sich zufällig aneinanderfügte, hätte dramaturgisch kaum stimmiger komponiert werden können.
Den Anfang machte Bürgermeister Johannes Feurle.
Er überraschte viele mit Ernest Hemingways "Der alte Mann und das Meer" – einem Buch, das ihn bereits als Zwölfjährigen tief beeindruckte. Nicht der riesige Fisch stand für ihn im Mittelpunkt, sondern der Mensch, der sich aufmacht, weit hinauszufahren. Der kämpft. Der verliert. Und der dennoch nicht besiegt heimkehrt.
Der Fisch wird von den Haien gefressen. Der äußere Erfolg bleibt aus. Und doch findet der alte Fischer seinen Frieden.
Es war eine berührende Botschaft eines jungen Bürgermeisters. Erfolg wird nicht allein an Ergebnissen gemessen. Würde entsteht dort, wo Menschen trotz Rückschlägen ihren Weg weitergehen.
Danach sprach Alt-Landesrat Konrad Blank.
Sein Buch war nicht in erster Linie Literatur, sondern Erinnerung und Haltung: Wallnöfer "Bauer und Landesfürst", und dem dortigen Beitrag von dem von ihm verehrten Rudolf Kirchschläger.
Blank erzählte weniger über das Buch selbst als über den Menschen Eduard Wallnöfer, für ihn gleich wertgeschätzt wie Kirchschläger. Über Gradlinigkeit. Verlässlichkeit. Integrität. Mehrfach erwähnte er die berühmte Dornenkrone, die bei Tiroler Festzügen zum Symbol für den Schmerz über die Teilungen Tirols geworden war – für ihn zugleich Ausdruck einer politischen Haltung, die bereit war, Überzeugungen auch gegen Widerstände zu vertreten.
Am Ende seines Beitrags warb er dafür, den demokratisch gewählten Vertreterinnen und Vertretern wieder mehr Vertrauen entgegenzubringen.
Es wirkte weniger wie eine Buchvorstellung als wie ein persönliches Bekenntnis. Nicht das Buch war sein Lebenswerk – sondern die Haltung, die es verkörperte.
Und dann kam Margit Fässler.
Keine Politikerin. Keine ehemalige Landesrätin. Sondern eine Bürgerin Sulzbergs.
Ihr Buch: Janoschs "Oh, wie schön ist Panama".
Ein Kinderbuch? Ja.
Und zugleich vielleicht das philosophischste des ganzen Abends.
Der kleine Bär und der kleine Tiger suchen ihr Glück in der Ferne. Sie gehen los, weil sie glauben, dass das Leben anderswo schöner sein müsse. Als sie nach ihrer langen Reise wieder zuhause ankommen, erkennen sie ihren eigenen Ort nicht wieder – nicht weil er sich verändert hätte, sondern weil sie selbst andere geworden sind. Die Reise hat ihren Blick geschärft. Was ihnen einst gewöhnlich erschien, ist nun ihr persönliches Panama. Die Quintessenz lässt sich in einem Satz zusammenfassen, der lange nachklingt: „Vielleicht leben wir längst in unserem Traum. Wir müssen nur lernen, ihn zu erkennen.“
So entstand an diesem Abend eine unerwartete Dramaturgie.
Zuerst der Mut, weit hinauszufahren.
Dann die Verantwortung, zu seinen Überzeugungen zu stehen.
Und schließlich die Erkenntnis, dass das Glück vielleicht nie weit entfernt war.
Mut.
Haltung.
Perspektive.
Niemand hatte diese Reihenfolge geplant. Gerade deshalb wirkte sie so wahr.
Während draußen täglich Nachrichten von Kriegen, gesellschaftlichen Spannungen und politischen Zerwürfnissen die Welt bestimmen, geschah unter dem Dach eines alten Pfarrhauses etwas völlig anderes.
Vierzig Menschen hörten zu.
Sie lachten.
Sie dachten nach.
Sie hörten inspirierende Geschichten.
Vielleicht können wir die Welt in diesen Tagen tatsächlich nicht retten.
Aber vielleicht müssen wir das auch gar nicht.
Vielleicht beginnt das Wesentliche dort, wo Menschen Räume schaffen, in denen Aufmerksamkeit wichtiger ist als Lautstärke. Wo Literatur nicht zur Bildungspflicht wird, sondern zum Gespräch über das Leben. Wo nicht Meinungen aufeinanderprallen, sondern Erfahrungen geteilt werden.
Solche Abende verändern keine Weltpolitik.
Aber sie bewahren etwas, das für jede Gesellschaft unverzichtbar ist.
Sie machen das Menschliche sichtbar.
Und vielleicht sogar – um ein schönes Wort zu benutzen – unkaputtbar.
Das ist mehr als Nostalgie.
Es ist Hoffnung.
Nicht die große Hoffnung auf die Lösung aller Probleme.
Sondern die stille Gewissheit, dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen sich Zeit füreinander nehmen.
Vielleicht war Panama an diesem Abend gar kein fernes Sehnsuchtsland.
Vielleicht lag es längst dort.
Unter dem Dach des Alten Pfarrhofs in Sulzberg.
Zwischen vierzig Stühlen.
Drei Büchern.
Und Menschen, die sich für zwei Stunden daran erinnerten, was Kultur im besten Sinne sein kann:
Nicht Unterhaltung.
Sondern gelebte Menschlichkeit
Antonius Kreimer
Besucher der Guaten Stund ab viertel und …